Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel

28 WELTTAG DER SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

"Fernsehen und Familie: Kriterien für gesunde Sehgewohnheiten."

15. Mai 1994

   Liebe Brüder und Schwestern,

in den letzten Jahrzehnten war das Fernsehen Vorreiter einer Revolution in den Kommunikationsmedien, die tiefgreifende Auswirkungen auf das Familienleben hatte. Heute ist das Fernsehen eine Hauptquelle von Nachrichten, Information und Unterhaltung für unzählige Familien, deren Einstellungen und Meinungen, Werte und Verhaltensmuster es formt.

Das Fernsehen kann das Familienleben bereichern. Es kann Familienmitglieder enger zusammenführen und ihre Solidarität mit anderen Familien und mit der Gemeinschaft insgesamt stärken. Es kann nicht nur ihr allgemeines, sondern auch ihr religiöses Wissen dadurch erweitern, daß es ihnen ermöglicht, Gottes Wort zu hören, ihre religiöse Identität zu stärken sowie ihr sittliches und geistliches Leben zu nähren.

Das Fernsehen kann dem Familienleben auch schaden: durch Verbreitung erniedrigender Werte und Verhaltensmodelle; durch Ausstrahlung von Pornographie und drastischen Darstellungen brutaler Gewalt; durch Einprägen von sittlichem Relativismus und religiösem Skeptizismus; durch die Verbreitung verzerrter, manipulierter Darstellungen von aktuellen Ereignissen und Fragen; durch ausbeuterische Werbesendungen, die niedrige Instinkte ansprechen, und Verherrlichung falscher Lebensauffassungen, die ein Hindernis darstellen für die Verwirklichung von gegenseitiger Achtung, von Gerechtigkeit und Frieden.

Selbst dann, wenn Fernsehprogramme an sich nicht moralisch anständig sind, kann das Fernsehen trotzdem negative Auswirkungen auf die Familie haben. Es kann die Familienmitglieder in deren privater Welt isolieren, indem es sie von echten zwischenmenschlichen Beziehungen abhält; es kann auch die Familie entzweien, indem es die Eltern den Kindern und die Kinder den Eltern entfremdet.

Da die moralische und geistig-geistliche Erneuerung der Menschheitsfamilie als ganzer in der echten Erneuerung der einzelnen Familien verwurzelt sein muß, kommt das Thema für den Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel 1994 - "Fernsehen und Familie: Kriterien für gesunde Sehgewohnheiten" - gerade zur rechten Zeit, besonders während dieses Jahres der Familie, wo die Gemeinschaft der ganzen Welt nach Wegen zur Stärkung des Familienlebens sucht.

Besonders herausstellen will ich in dieser Botschaft die Verantwortlichkeiten der Eltern, der in der Fernsehindustrie Tätigen, der staatlichen Stellen und derjenigen, die in der Kirche pastorale und erzieherische Aufgaben haben. In ihren Händen liegt die Macht, das Fernsehen zu einem immer wirksameren Medium zu machen, das den Familien hilft, ihrer Rolle als einer Kraft der moralischen und sozialen Erneuerung gerecht zu werden.

Gott hat den Eltern die große Verantwortung übertragen, "ihren Kindern vom frühesten Alter an zu helfen, die Wahrheit zu suchen und nach ihr zu leben, das Gute zu suchen und es zu fördern" (Botschaft zum Weltfriedenstag 1991, Nr. 3). Es ist daher ihre Pflicht, ihre Kinder dazu anzuhalten, Gefallen an dem zu finden, "was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist" (Phil 4,8).

So sollten Eltern - außer selbst kritische Fernsehzuschauer zu sein - aktiv mithelfen, bei ihren Kindern Fernsehgewohnheiten auszubilden, die der gesunden menschlichen, sittlichen und religiösen Entwicklung förderlich sind. Eltern sollten sich selber vorher über den Programminhalt informieren und auf dieser Grundlage bewußt zum Besten der Familie entscheiden - anschauen oder nicht anschauen. Von religiösen Stellen und anderen verantwortlichen Vereinigungen erstellte Rezensionen und Bewertungen können - zusammen mit Programmen für eine gesunde Medienerziehung - in dieser Hinsicht hilfreich sein. Eltern sollten auch mit ihren Kindern über das Fernsehen sprechen, sie dabei anleiten, Quantität und Qualität ihres Fernsehkonsums zu regulieren und die einzelnen Programmen zugrundeliegenden ethischen Werte wahrzunehmen und zu beurteilen, denn "die Familie ist der bevorzugte Träger für die Weitergabe jener religiösen und kulturellen Werte, die der Person helfen, zu ihrer Identität zu gelangen" (Botschaft zum Weltfriedenstag 1994, Nr. 2).

Die Fernsehgewohnheiten von Kindern zu formen, wird manchmal bedeuten, einfach das Fernsehgerät abzuschalten: weil es Besseres zu tun gibt, weil die Rücksicht auf andere Familienmitglieder es verlangt oder weil unkritischer Fernsehkonsum schädlich sein kann. Eltern, die das Fernsehen regelmäßig und lange als eine Art elektronischen Babysitter einsetzen, geben ihre Rolle als die Haupterzieher ihrer Kinder preis. Eine solche Abhängigkeit vom Fernsehen kann Familienmitglieder der Gelegenheiten berauben, durch Gespräche, gemeinsames Tun und gemeinsames Gebet aufeinander Einfluß zu nehmen. Vernünftige Eltern sind sich auch bewußt, daß selbst gute Programme durch andere Quellen von Nachrichten, Unterhaltung, Erziehung und Kultur ergänzt werden sollten.

Um zu garantieren, daß die Fernsehindustrie die Rechte der Familie wahren wird, sollten Eltern gegenüber Medienmanagern und Produzenten ihre berechtigten Sorgen zum Ausdruck bringen. Mitunter werden sie es nützlich finden, sich mit anderen in Vereinigungen zusammenzuschließen, die ihre Interessen in bezug auf die Massenmedien, auf Sponsoren und Inserenten sowie auf staatliche Stellen vertreten.

Die für das Fernsehen Tätigen - Direktoren und Manager, Produzenten und Regisseure, Schriftsteller und Forscher, Journalisten, Darsteller und Techniker - sie alle haben ernste moralische Verantwortung gegenüber den Familien, die einen so großen Teil ihres Publikums ausmachen.

Alle, die für das Fernsehen tätig sind, sollten in ihrem Berufs- und Privatleben der Familie als grundlegender Lebens-, Liebes- und Solidaritätsgemeinschaft der Gesellschaft verpflichtet sein. Sie sollten den Einfluß des Mediums, in dem sie arbeiten, erkennen sowie gesunde Moral und geistige Werte fördern und alles vermeiden, "was der Familie in ihrer Existenz, ihrer Stabilität, ihrem Gleichgewicht und ihrem Glück Schaden zufügen könnte", einschließlich "Erotik oder Gewalt, Eintreten für die Ehescheidung oder antisoziale Haltungen Jugendlicher" (Paul VI., Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel 1969, Nr. 2).

Vom Fernsehen wird oft die Behandlung ernster Themen verlangt: menschliche Schwachheit und Sünde sowie ihre Folgen für einzelne und für die Gesellschaft; Mängel gesellschaftlicher Einrichtungen, einschließlich Regierung und Religion; gewichtige Fragen über den Sinn des Lebens. Diese Themen sollten verantwortungsvoll behandelt werden - ohne Sensationsgier und mit aufrichtiger Sorge um das Wohl der Gesellschaft sowie mit gewissenhafter Beachtung der Wahrheit. "Die Wahrheit wird euch befreien" (Joh 8,32), sagte Jesus, und letztlich hat alle Wahrheit ihren Grund in Gott, der auch die Quelle unserer Freiheit und Kreativität ist.

Bei der Erfüllung ihrer öffentlichen Verantwortlichkeiten sollte die Fernsehindustrie einen Moralkodex entwickeln und befolgen, der die Verpflichtung einschließt, den Bedürfnissen der Familien zu dienen und sich für Werte einzusetzen, die dem Familienleben förderlich sind. Medienräte, deren Mitglieder sowohl aus der Industrie wie aus der Öffentlichkeit kommen, sind ebenfalls ein sehr wünschenswerter Weg, um das Fernsehen aufgeschlossener zu machen für die Bedürfnisse und Werte seines Publikums.

Ob Fernsehkanäle öffentlich-rechtlich oder privatrechtlich betrieben werden - sie haben eine öffentliche Verpflichtung zum Dienst am Gemeinwohl; sie sind nicht das rein private Reservat kommerzieller Interessen oder ein Macht- oder Progandainstrument für Eliten aus Gesellschaft, Wirtschaft oder Politik; sie sind dazu da, dem Wohl der Gesellschaft als ganzer zu dienen.

Als "Keimzelle" der Gesellschaft hat die Familie Anspruch darauf, durch geeignete Maßnahmen des Staates und anderer Institutionen unterstützt und verteidigt zu werden (vgl. Botschaft zum Weltfriedenstag 1994, Nr. 5). Das weist auf bestimmte Verantwortlichkeiten seitens staatlicher Stellen hin, wenn es um das Fernsehen geht.

In Anerkennung der Bedeutung eines freien Gedanken- und Informationsaustausches unterstützt die Kirche die freie Meinungsäußerung und die Pressefreiheit (vgl. Gaudium et spes, 59). Zugleich besteht sie darauf, daß "die Rechte von einzelnen, von Familien und der Gesellschaft selber auf eine Privatsphäre, auf öffentlichen Anstand und den Schutz der Grundwerte" unbedingt geachtet werden müssen (Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Pornographie und Gewalt in den Medien: Eine pastorale Antwort, Nr. 21). Staatliche Stellen sind aufgefordert, vernünftige ethische Maßstäbe für die Programmgestaltung aufzustellen und durchzusetzen, die die menschlichen und religiösen Werte, auf denen das Familienleben aufgebaut ist, stärken und alles Schädliche fernhalten. Sie sollten auch den Dialog zwischen der Fernsehindustrie und der Öffentlichkeit fördern, indem sie dafür Strukturen und Formen bereitstellen, um das zu ermöglichen.

Der Kirche nahestehende Stellen leisten ihrerseits den Familien einen hervorragenden Dienst, wenn sie ihnen Medienerziehung sowie Film- und Programmauswertung anbieten. Wo es die finanziellen Mittel erlauben, können kirchliche Medienstellen den Familien auch durch die Herstellung und Verbreitung familienorientierter Programme oder durch die Förderung einer solchen Programmgestaltung helfen. Bischofskonferenzen und Diözesen sollten die "Familiendimension" des Fernsehens konsequent zum Bestandteil ihres Pastoralplanes für Soziale Kommunikation machen (vgl. Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel, Aetatis novae, 21-23).

Da die beruflich im Fernsehen tätigen Personen damit beschäftigt sind, einem großen Publikum, das Kinder und Jugendliche einschließt, eine Lebensauffassung zu präsentieren, können sie sich den Pastoraldienst der Kirche zu Nutzen machen, der ihnen helfen kann, jene sittlichen und religiösen Prinzipien zu verstehen, die dem menschlichen und familiären Leben seine volle Bedeutung geben. "Diese Pastoralprogramme sollten eine ständige Weiterbildung einschließen, die für diese Männer und Frauen - von denen viele aufrichtig wissen und tun wollen, was ethisch und moralisch richtig ist - hilfreich sein wird, ihre Berufsarbeit wie auch ihr Privatleben immer mehr von sittlichen Normen durchdringen zu lassen" (ibid., 19).

Die auf die Ehe gegründete Familie ist eine einzigartige Gemeinschaft von Personen, die Gott zur "natürlichen und grundlegenden Einheit der Gesellschaft" gemacht hat (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 16,3). Das Fernsehen und die anderen Kommunikationsmittel haben eine immense Macht, diese Gemeinschaft innerhalb der Familie ebenso wie die Solidarität mit anderen Familien und einen Geist des Dienstes an der Gesellschaft zu bewahren und zu stärken. Dankbar für den Beitrag zu solcher Gemeinschaft innerhalb der Familie und der Familien untereinander, den das Fernsehen als ein Kommunikationsmittel geleistet hat und leisten kann, ergreift die Kirche - selbst eine Gemeinschaft in der Wahrheit und Liebe Jesu Christi, des Wortes Gottes - die Gelegenheit des Welttages der Sozialen Kommunikationsmittel 1994, um die Familien selbst, die in den Medien Tätigen und die staatlichen Stellen zu ermutigen, ihre hohe Berufung voll zu verwirklichen und die erste und lebendigste Gemeinschaft der Gesellschaft, die Familie, zu stärken und zu fördern.

   Aus dem Vatikan, am 24. Januar 1994, dem Fest des hl. Franz von Sales.

IOANNES PAULUS II   

 


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