Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel

13 WELTTAG DER SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

"Die Sozialen Kommunikationsmittel für den Schutz und die Entwicklung des Kindes in Familie und Gesellschaft."

1979

   Geliebte Brüder und Söhne der heiligen Kirche,

mit aufrichtigem Vertrauen und lebendiger Hoffnung, mit Gefühlen also, von denen ich mich seit Beginn meines Hirtenamtes auf dem Stuhl Petri habe leiten lassen, wende ich mich an dem Tag, den das Zweite Vatikanische Konzil diesem wichtigen Bereich gewidmet wissen wollte (vgl. Dekret Inter mirifica, Nr. 18), an euch und im besonderen an diejenigen unter euch, die sich mit den Mitteln der Sozialen Kommunikation beschäftigen.

Das Thema, auf das ich eure Aufmerksamkeit lenken möchte, schließt ja gerade eine Einladung zum Vertrauen und zur Hoffnung ein, weil es sich auf die Kinder bezieht. Ich behandle es um so lieber, weil es bereits von meinem geliebten Vorgänger Paul VI. für diesen Anlaß gewählt worden war. Im Hinblick auf das von den Vereinten Nationen im Jahr 1979 veranstaltete "Internationale Jahr des Kindes" ist es angebracht, über die besonderen Bedürfnisse dieser breiten Schicht von "Empfängern" - nämlich der Kinder - nachzudenken und an die daraus folgende Verantwortung der Erwachsenen, besonders der in den Medien Schaffenden zu erinnern, die die Bildung oder leider auch Ver-Bildung der jungen Generation in so starkem Maße beeinflussen können. Daraus wird der ganze Ernst und die Vielschichtigkeit des Themas klar: "Der Dienst der Sozialen Kommunikationsmittel für den Schutz und die Entfaltung des Kindes in Familie und Gesellschaft."

Ohne dieses Thema in seinen verschiedenen Aspekten erschöpfend behandeln zu wollen, möchte ich auf das hinweisen, was das Kind von den Kommunikationsmitteln erwartet und worauf es ein Recht hat. Fasziniert und der Welt und den Erwachsenen schutzlos ausgeliefert, sind Kinder von Natur aus bereit, alles anzunehmen, was ihnen geboten wird, mag dies nun gut oder schlecht sein. Das wißt ihr, die ihr hauptberuflich im Kommunikationsbereich arbeitet, besonders aber ihr, die ihr bei den audiovisuellen Medien beschäftigt seid, nur zu gut. Die Kinder werden vom Bildschirm wie von der Leinwand gefesselt, folgen jeder dargestellten Handlung und erfassen früher und besser als jeder andere die darin ausgerückten Gefühle und Gemütsbewegungen.

Wie weiches Wachs, auf dem der leichteste Druck eine Spur hinterläßt, so ist die Seele der Kinder jedem Reiz ausgesetzt, der ihre Erfindungsgabe, ihre Phantasie, ihr Gefühl und ihr Unterbewußtsein anregt. In diesem Alter dringen bekanntlich die Eindrücke tiefer in die Psyche des menschlichen Wesens und beeinflussen entscheidend und oft mit bleibender Wirkung die späteren Beziehungen zum eigenen Ich, zu den Mitmenschen und zur Umwelt. Eben aus der Erkenntnis heraus, wie empfindlich diese erste Lebensphase ist, hatte bereits die heidnische Weisheit die bekannte pädagogische Weisung abgeleitet: "Maxima debetur puero reverentia" - "Dem Kind gebührt die größte Achtung!" Und im selben Licht stellt sich in ihrer durchaus begründeten Strenge die Mahnung Christi dar: Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verleitet, für den wäre es besser, wenn man ihn mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenken würde" (Mt 18, 6). Und bestimmt sind unter den "Kleinen" im Sinne des Evangeliums auch und besonders die Kinder zu verstehen.

Das Beispiel Christi muß für den Gläubigen, der sein Leben nach dem Geist des Evangeliums ausrichten will, die Richtschnur sein. Und Jesus erscheint uns nun als derjenige der die Kinder liebevoll aufnimmt (vgl. Mk ;10, 16), der ihren spontanen Wunsch, zu ihm zu kommen, verteidigt (vgl. Mk 10, 14), der ihre typische Zutraulichkeit und Einfachheit lobt weil sie das Himmelreich verdient (vgl. Mt 18 3-4), der ihre Reinheit des Herzens unterstreicht, die ihnen so leicht die Erfahrung Gottes ermöglicht (vgl. Mt 18, 10). Er zögert nicht, eine überraschende Gleichsetzung auszusprechen: "Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf" (Mt 18. 5). Erst vor kurzem habe ich geschrieben: "Der Herr identifiziert sich mit der Welt der Kinder (...) Jesus versetzt die Kinder in keine Abhängigkeit, er nützt die Kinder nicht aus. Er ruft sie und er läßt sie in seinen Heilsplan für die Welt eintreten" (vgl. Botschaft an den Präsidenten des Päpstlichen Kindermissionswerkes, OR.dt., Nr. 1 vom 11.5.79).

Was für eine Haltung sollen also verantwortungsbewußte Christen und vor allem die Eltern und die Mitarbeiter der Massenmedien, die sich Ihrer Verpflichtung gegenüber dem Kind bewußt sind, einnehmen? Sie werden sich vor allem um das menschliche Wachstum des Kindes bemühen müssen: Die Forderung, dem Kind gegenüber eine "neutrale" Stellung einzunehmen und es einfach "aufwachsen" zu lassen, ist nur dem Anschein nach Achtung seiner Persönlichkeit; in Wirklichkeit verbirgt sich dahinter eine Haltung gefährlicher Interesselosigkeit.

Eine derartige Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern darf man nicht dulden - denn das Kind braucht Hilfe bei seiner Entwicklung zur Reife. Das Kind trägt in seinem Herzen einen großen Reichtum an Leben, es ist jedoch allein nicht imstande, die Anrufe, die es in sich selbst vernimmt, richtig einzuordnen. Daher haben die Erwachsenen - die Eltern, die Erzieher, die bei den Kommunikationsmitteln Tätigen - die Pflicht und sind auch dazu in der Lage, sie dem Kind zu erklären. Ist etwa nicht jedes Kind irgendwie dem kleinen Samuel ähnlich, von dem die Heilige Schrift berichtet? Unfähig, den Anruf Gottes zu deuten, bat er seinen Lehrer um Hilfe, und dieser antwortete ihm zuerst: "Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen" (1 Sam 3, 5. 6) Werden wir eine solche Haltung einnehmen, die den inneren Antrieb und die besten Berufungen unterdrückt und erstickt? Oder werden wir imstande sein, sie dem Kind begreiflich zu machen, wie es schließlich der Priester Eli bei Samuel tat: "Wenn er dich noch einmal ruft dann antworte: Rede, Herr! Dein Diener hört" (1 Sam 3, 9).

Die Möglichkeiten und Mittel, die ihr Erwachsenen dafür besitzt, sind gewaltig: Ihr seid in der Lage, den Geist der Kinder zu wecken oder ihn einzuschläfern und - Gott verhüte es! - in nicht wiedergutzumachender Weise zu vergiften. Man muß dahin wirken, daß das Kind, auch dank eurer nicht unterdrückenden, sondern immer aufbauenden und anregenden Erziehung, die umfangreichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung erfaßt, die ihm gestatten, sich schöpferisch in die Welt einzugliedern. Besonders ihr, die ihr im Bereich der Massenmedien arbeitet, unterstützt das Kind bei seiner Erkenntnissuche, indem ihr Freizeit- und Kulturprogramme vorbereitet, in denen es Antwort auf die Suche nach seiner Identität und nach seinem schrittweisen "Eintritt" in die menschliche Gemeinschaft finden kann! Wichtig ist außerdem auch, daß das Kind in euren Programmen nicht nur Statist ist, der müde, illusionslose und apathische Zuschauer oder Hörer erfreuen und bewegen soll, sondern Hauptfigur, die auf die junge Generation beispielhaft wirkt.

Ich weiß sehr wohl, daß ich euch mit meiner Aufforderung zu dieser menschlichen und - im ursprünglichen Sinne des künstlerischen Schaffens - poetischen Anstrengung zugleich bitte, auf eine kalkulierte Planung, die auf höchste "Einschaltquoten" und unmittelbaren Erfolg abzielt zu verzichten. Ist das echte Kunstwerk nicht etwa jenes, das sich ohne ehrgeiziges Erfolgsstreben durchsetzt und aus echter Fähigkeit und eindeutiger beruflicher Reife entsteht? Und laßt es in euren Programmen - darum bitte ich euch als Bruder - nicht an Gelegenheiten des geistlichen und religiösen Anrufs an das Herz der Kinder fehlen; dies soll eine vertrauensvolle Einladung zur Mitarbeit eurerseits an der geistlichen Aufgabe der Kirche sein.

In gleicher Weise wende ich mich an euch Eltern und Erzieher, an euch, Katecheten und Verantwortliche der verschiedenen kirchlichen Vereinigungen, damit ihr das Problem des Gebrauchs der Mittel der Sozialen Kommunikation in bezug auf die Kinder als eine Angelegenheit von grundlegender Bedeutung verantwortungsbewußt betrachtet, und zwar nicht nur im Hinblick auf eine gute Erziehung der Kinder, die diese über die Entwicklung ihres kritischen Sinnes und - man könnte sagen - ihrer Selbstdisziplin bei der Auswahl der Programme hinaus auch wirklich auf menschlicher Ebene fördert, sondern auch im Hinblick auf die Entwicklung des Gefüges der Gesellschaft in Rechtschaffenheit, Wahrheit und Brüderlichkeit.

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Söhne und Töchter! Die Kindheit ist nicht ein beliebiger Abschnitt des menschlichen Lebens von dem man sich künstlich loslösen kann. Wie ein Kind Fleisch vom Fleische seiner Eltern ist, so ist die Gesamtheit der Kinder lebendiger Teil der Gesellschaft. Deshalb steht in der Kindheit das Schicksal des ganzen Lebens, des Lebens der Kinder und unseres Lebens, also des Lebens aller auf dem Spiel. Laßt uns also den Kindern dienen, indem wir das Leben aufwerten und uns "für das Leben in all seinen Entwicklungsstufen entscheiden". Und wir werden den Kindern helfen wenn wir ihren so empfindlichen und sensiblen Augen und Herzen das zeigen, was es im Leben an Edelstem und Höchstem gibt.

Wenn ich den Blick auf dieses Ideal richte, kommt es mir vor, als begegnete ich dem zärtlichen Antlitz der Mutter Jesu, die in ihrer totalen Hingabe an den Dienst für ihren göttlichen Sohn "alles in ihrem Herzen bewahrte" (Lk 2, 51). Im Lichte ihres Vorbildes erweise ich euch meine Hochachtung zu dem Auftrag, der euch allen im pädagogischen Bereich gegeben ist, und im Vertrauen darauf, daß ihr diesen Auftrag mit der Liebe erfüllt, die seiner Würde entspricht, segne ich euch von Herzen.

   Aus dem Vatikan, am 1979

IOANNES PAULUS II   

 


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