Päpstlicher Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel

6 WELTTAG DER SOZIALEN KOMMUNIKATIONSMITTEL

"Die Soziale Kommunikation im Dienste der Wahrheit."

1972

   Liebe Brüder und Schwestern, liebe Söhne und Töchter in der weiten Welt, und alle ihr Menschen guten Willens,

der moderne Mensch vermag leicht einzusehen, daß er seine Verhaltensweisen, Urteile, Standpunkte und seine zustimmenden oder ablehnenden Stellungnahmen vielfach der immer umfassender und rascher vermittelten Kenntnis des Denkens und Verhaltens verdankt, die ihn über die Instrumente der Sozialen Kommunikation erreicht.

Unser Leben setzt die Jugend und die Erwachsenen einer fast unaufhörlichen Flut von Nachrichten und Deutungen, von Bildern und Tönen, von Aufforderungen und Reizen aus. In dieser Situation fühlt sich der vernunftbegabte Mensch zu der beunruhigenden Frage gedrängt: Wo ist die Wahrheit? Wie läßt sie sich erfassen oder wiederentdecken in der Flut von Mitteilungen, die sich uns ohne Unterlaß aufdrängen?

1. Jedes Ereignis besitzt seine eigene Wahrheit, die viele, in ihrer Gesamtheit nicht immer leicht überschaubare Aspekte umfaßt. Nur das gemeinsame und ehrliche Bemühen des Nachrichtenübermittlers und der Rezipienten kann eine sichere Garantie dafür bieten, daß das einzelne Ereignis in seiner unverkürzten Wahrheit erfaßt wird.

Hier wird offenbar, welch überragende Bedeutung der Nachrichtenübermittlung zukommt. Die Aufgabe des Journalisten besteht ja nicht nur darin, das mitzuteilen, was man unmittelbar sieht, sondern auch darin, Zusammenhänge sowie die Ursachen und Umstände der einzelnen Fakten aufzuspüren, die es zu übermitteln gilt. Diese Arbeit könnte man in gewisser Weise mit einer 'wissenschaftlichen Untersuchung' vergleichen, was den Ernst und den Einsatz anbelangt, die erforderlich sind im Hinblick auf die Prüfung und kritische Einschätzung der Quellen, die Zuverlässigkeit der beobachteten Daten und deren unverfälschte Wiedergabe. Noch ernster wird die Verantwortung, wenn der Journalist, wie es oft geschieht, aufgefordert wird, der einfachen Berichterstattung über die Fakten noch Elemente einer Beurteilung und Orientierung hinzuzufügen.

2. Das eben Gesagte gilt auch - und zwar mit besonderen zusätzlichen Erfordernissen - für die religiöse Information oder für jene Umstände, die nach einer religiösen Wertung verlangen. Das religiöse Ereignis kann nicht entsprechend verstanden werden, wenn man es lediglich in seiner psychologisch und soziologisch erkennbaren menschlichen Dimension sieht. Man muß auch seine geistliche Dimension, das heißt seinen Bezug zum Geheimnis der Gemeinschaft des Menschen mit Gott, also zum Geheimnis der Erlösung aufdecken. Das bedeutet, soweit als möglich gerade auch die 'religiöse' Wahrheit bestimmter Ereignisse zu vermitteln. Diese 'religiöse' Wahrheit kommt aber erst dann voll in den Blick, wenn man sich Rechenschaft über den ganzen religiös-geistlichen Zusammenhang des Ereignisses gibt und wenn man über die bloße Fachkenntnis hinaus auch das Licht des Glaubens in Betracht zieht, das allein, zumal bei bestimmten Dingen, ein volles Verständnis bieten kann.

3. Dieser Forschungseifer und die Achtung vor der Wahrheit sind mit gleicher Dringlichkeit auch von jenen gefordert, die sich der Sozialen Kommunikationsmittel bedienen, um Informationen und Orientierung zu erhalten und sich so ein Urteil zu bilden. Alle Rezipienten haben also die Aufgabe, stets aktiv zu sein und sich mitverantwortlich zu wissen. Wenn sie verantwortungsbewußt und vorbereitet sind, werden sie fähig sein, sich aktiv und kritisch anzueignen, was von außen an sie herandringt. Der Mensch und erst recht der Christ wird niemals auf seine Befähigung verzichten, zur Auffindung der Wahrheit beizutragen, und zwar nicht nur der abstrakten, philosophischen Wahrheit, sondern auch der konkreten Wahrheit der alltäglichen Ereignisse. Wollte er wirklich darauf verzichten, hätte er eben damit seine eigene Würde als Person verletzt. Wir wollen daher bei dieser Gelegenheit unsere Aufforderung wiederholen, daß sich jeder Mensch darum bemühe und dabei auch entsprechend gefördert werde, gegenüber dem Angebot der Instrumente der Sozialen Kommunikation die notwendige Befähigung zu einem eigenständigen Urteil zu erlangen, so daß er in der Lage ist, unter den verschiedenen Meinungen frei zu wählen und sich die bessere zu eigen zu machen.

4. Der größere Teil der Menschheit hat heute Kontakt mit den verschiedenen Sozialen Kommunikationsmitteln - Zeitung, Hörfunk, Fernsehen, Theater, Kino und Tonträger - nicht nur um sich zu informieren, sondern auch zur Erholung und zur Bildung. Man erlebt die Ereignisse und Situationen mit und nimmt im Geiste daran teil, mögen sie nun Wirklichkeit oder im künstlerischen Schaffen hervorgebracht sein, um bestimmte Werte und Gefühle zum Ausdruck zu bringen und zu vermitteln. Wenn sich der Mensch dieser Art von Publikationen und dramatischem Schaffen, die der Entspannung und Unterhaltung, aber auch einer besseren Kenntnis des Menschen und der ihn umgebenden Welt dienen, zuwendet, wird der kritische Sinn des einzelnen stets hinreichend wach sein müssen, um zu sehen, wie es mit der Wahrheit steht, damit er eventuelle Abweichungen jeweils festzustellen vermag. Anderseits muß dem Künstler eine eigene Freiheit zugestanden werden: um 'das Schöne' der Wirklichkeit auszudrücken, hat der Künstler das Recht, sich der Phantasie zu bedienen und so einer neuen Schöpfung Leben zu verleihen. Eine solche Schöpfung aber, die ja doch der konkreten und tatsächlichen Wirklichkeit angehört, kann sich nicht völlig anders darstellen als diese selbst; das heißt, sie muß ihrer eigenen Wahrheit und der Wahrheit der mit ihr verbundenen Werte treu bleiben. Die Kunst ist in der Tat - wenn es sich wirklich um Kunst handelt - eine der edelsten menschlichen Ausdrucksformen der Wahrheit. Wenn man also dem Menschen einen Dienst leisten und ein Schüler und Erforscher der Wahrheit sein will, dann muß man mit dazu beitragen, daß der Mensch das Wahre sucht und sich ihm stellt. Von daher verbietet sich ganz offenkundig jegliche Ausnutzung menschlicher Schwäche oder unzureichender Vorbereitung des Publikums zugunsten kommerzieller Spekulationen oder anderer unstatthafter Ziele.

5. Unsere Botschaft, Brüder und Schwestern, Menschen in der Welt von heute, kann nicht schließen, ohne daß wir Euch noch einen höheren Weg weisen, auf dem wir zur vollkommenen Wahrheit gelangen können. Wir sind Christen, das heißt Jünger Christi, der "der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6) für alle Menschen ist, auch für die, die ihn noch nicht kennen. Er ist der Sohn Gottes, der zu den Menschen gekommen ist, um "für die Wahrheit Zeugnis zu geben" (Joh 18,37) und uns zu versichern, daß nur die Wahrheit uns freimachen wird (Joh 8, 31-36), und er befreite uns aus jeglicher Knechtschaft (Gal 5,1). Wir Christen wollen in der Welt stehen, mitten in den Wirklichkeiten des Menschen von heute, als demütige, aber überzeugte Zeugen der Wahrheit, an die wir glauben. Die heutigen Instrumente der Sozialen Kommunikation sind neue, großartige Wege, die auch den Christen offen stehen bei der Erfüllung ihrer Aufgabe, die Wahrheit zu bezeugen und ihr zu dienen. Diese Instrumente dienen vor allem dazu, das Wort zum Ausdruck zu bringen und es zu verbreiten. Auch wir haben ein sehr bedeutendes Wort mitzuteilen und der Macht der Kommunikationsmittel anzuvertrauen: das Wort als Person, das Gott von sich spricht, sein Wort, das auch das absolute und endgültige Wort ist, das Gott über den Menschen spricht, wenn er ihm unablässig mitten in den zahllosen Wechselfällen des täglichen Lebens und der Geschichte der Jahrhunderte das Heil zuteil werden läßt. Wir wissen als Christen, daß die konkreten Ereignisse, die Tag für Tag unser persönliches Leben und das Leben der Welt betreffen, nicht von einem blinden, unerbittlichen Schicksal willkürlich verursachte Zufälle sind; sie sind vielmehr Ausdruck eines geheimnisvollen, uns nicht gänzlich enthüllten Planes, wodurch Gott uns jeden Augenblick erreicht und uns zur heilbringenden Gemeinschaft mit ihm auffordert. Damit führt er uns zur sittlich wertvollen, frohen Annahme aller Ereignisse sowie zu einem von Liebe erfüllten Dienst.

Diese tiefe Sicht der Dinge ist die unüberholbare Wahrheit, deren Schüler und Zeugen wir sein wollen - sowohl als Kommunikatoren wie als Rezipienten. Aus dieser Wahrheit wird Schritt für Schritt die echte Freiheit erwachsen, nach der wir suchen: Freiheit von menschlichen Leidenschaften und geistigen Vorurteilen; Freiheit von der Angst vor Mißerfolg und Niederlagen; Freiheit von jeder Versklavung durch einzelne Machtgruppen oder Interessengruppen, die eine bestimmte Deutung des Lebens und der Zeitereignisse aufdrängen, wobei sie sich von jeglicher Bindung an die Wahrheit lösen; schließlich Freiheit von jenen Versuchen, skrupellos eigene Ziele durchzusetzen und dabei die Wahrheit zu verheimlichen oder zu entstellen, um erniedrigende Schändlichkeiten oder manchmal geradezu unmenschliche Zielsetzungen zu verschleiern.

6. Liebe Brüder und Schwestern, liebe Söhne und Töchter! Diese Hinweise über die Wahrheit, die, wie alle zugeben, den Gebrauch der Sozialen Kommunikationsmittel heute bestimmen muß, möchten wir eurer Mitsorge anvertrauen. Die oberste Wahrheit, nämlich Gott, ist auch Wahrheitsquelle aller Dinge. Die Wahrheit, die zu den Menschen gekommen ist, ist für menschliches Handeln zum Vorbild geworden. Die Achtung vor der inneren Sinnrichtung der Dinge und die Treue zur Norm unseres Handelns werden uns in jeder Situation die Verwirklichung der Wahrheit verbürgen.

An die Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien, die sich dem Dienst an den Brüdern mit Hilfe der Sozialen Kommunikationsmittel widmen und so dazu beitragen, sie hinzuführen zur Begegnung mit "dem wahren Licht, das jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9), richten wir ein Wort lebhafter Ermutigung.

Mit dem Wunsch, daß alle, Journalisten, Techniker, Produzenten, Erzieher und Rezipienten diesen Tag zu einer fruchtbaren Besinnung über diese wichtigen Fragen nutzen mögen, erteilen wir euch von Herzen und mit großem Vertrauen unseren Apostolischen Segen.

   Aus dem Vatikan, am 21. April 1972

PAULUS PP. VI   

 


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